Frühe Entwicklungen

 

Neben der Anwendung des neuen Geistes „Elektrizität“ in den Bereichen „Licht“ und „Kraft“ gesellte sich nun auch die der „Wärme“.

 

Wassersiedeapparatur von M.Jüllig, 1883

Max Jüllig, Ingenieur an der K. und K. Technischen Hochschule, zeigte die ersten Gerätschaften auf diesem Gebiet während der dritten Internationalen Elektrischen Ausstellung 1883 in Wien.

Diese sogenannten Koch- und Heizapparate, darunter ein Samowar, entsprachen zwar noch mehr Versuchsaufbauten als nützlichen Haushaltshelfern, dennoch beeindruckten sie die Fachwelt so sehr, dass man ausgiebige Abhandlungen hierzu veröffentlichte.

Arthur Wilke bemerkte „Die elektrische Küche und die elektrischen Kochapparate erringen in der Ausstellung trotz ihrer naiven Gestaltung allgemeines Interesse.“

Emil Sinell (s. Rubrik E-homes) beschreibt einen angeblich auf der 2. Elektrizitätsausstellung in München 1882 gezeigten Kochapparat, den er 1898 rekonstruierte. Der Offizielle Bericht und der Katalog der Ausstellung weisen aber keine derartige Apparatur aus.

 

 

 

 

Der Nachbau wie in der Kochkunst von 1899 abgebildet:

Nachbau Wasserkocher

 

Auch wenn man allgemein meinte, die Zeit für diese neuen Errungenschaften wäre noch nicht gekommen, beschäftigten sich fortan diverse Köpfe mit dem Sujet der Elektrowärme.

Pioniere der Elektrowärme

 

 

Otto Schulze in Strassburg

Einer der Ersten von ihnen war Elektrizitätswerksdirektor Otto Schulze aus Strassburg im Elsass, der 1887 unter anderem einen elektrischen Ofen patentieren ließ, der mit Glühlampen ausgestattet war.

 

Gerätschaften von Otto Schulze, St.Louis, Elsass

 

 

Die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft 

AEG Warenzeichen "Göttin des Lichts", eingetragen 07. Mai 1895

Wie frühzeitig Emil Rathenau, Gründer der „Deutschen Edison Gesellschaft für angewandte Elektricität" (DEG) 1883 und der „Städtischen Elektricitäts-Werke AG zu Berlin" 1884, an die Verwertung der neuen Energie durch private Hand dachte, unterstreicht die bereits 1886 in den oberen Räumlichkeiten der Blockstation in der Berliner Friedrichstraße 85 eingerichtete Exposition von Heiz- und Kochapparaten.

Sie stammten vermutlich aus der Produktion des Briten Sir Colonel Rookes Evelyn Bell Crompton in London, der als Erster gebräuchliche Haushaltsgeräte in seiner 1878 gegründeten Firma Crompton Co. produzierte. 

 

 

 

 

 

 

1887 patentiert die DEG einen Schnellkocher, was meines Erachtens den Beginn der eigenen Produktion darstellt. Die mittlerweile umfirmierte Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) zeigte 1889 anlässlich der „Deutschen Allgemeinen Ausstellung für Unfallverhütung" einige Anwendungen aus dem Bereich der elektrotechnischen Wärmeerzeugung aus eigenem Hause. Darunter einen Ofen zur Erwärmung von Brennscheren, ein Plätteisen, einen Teekessel, einen Eierkocher und einen Zigarrenanzünder.  

AEG Plätteisen 1889

Letzterer wurde bei einem Besuch der Ausstellung von Kaiser Wilhelm II. angekauft, obwohl er bis dato in seinen Räumlichkeiten gar keine Anschlussmöglichkeit besessen haben soll. 

AEG Haus der Technik in Berlin, heute Tacheles

Die AEG bemühte sich, was in dieser Zeit für Unternehmen vollkommen untypisch war, fortan um direkten Kontakt zu den privaten Kunden.

1928 gipfelte dieses frühe Marketing in der Eröffnung des „Hauses für Technik“, welches in das ehemalige Passagenkaufhaus an der Ecke Friedrich-/ Oranien-burgerstraße in Berlin einzog. Es war sieben Tage in der Woche für jedermann geöffnet.

 

 

Friedrich Wilhelm Schindler-Jenny – ein Schweizer in Österreich

Im österreichischen Vorarlberg machte sich 1888 der aus dem Kanton Glarus stammende Friedrich Wilhelm Schindler-Jenny daran, den Betrieb des erfolgreichen, elterlichen Textilunternehmens durch elektrischen Strom mittels Wasserkraft zu modernisieren. Außerdem begann er absatzträchtige Anwendungen zu schaffen.

Was lag einem Textilunternehmer näher als die Produktion von Plätt-, besser bekannt als Bügeleisen? 1892 patentierte er ein solches elektrisches Eisen mit der Patentnummer 5878, nachdem er bereits ein Jahr zuvor ein grundlegendes Patent für elektrischen Heizkörper (Nr. 4180) beim eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum angemeldet hatte.

1893 zeigte Schindler-Jenny auf der Weltausstellung in Chicago eine elektrische Küche, die mit einer Medaille ausgezeichnet wurde.

elektr. Küche von F.W. Schindler-Jenny 1893 
"Electra" Plätteisen von Schindler-Jenny

 

Für die Produktion seiner elektrischen Geräte erwarb Schindler-Jenny 1898 die Firma Grimm & Co in Wädenswil bei Zürich in der Schweiz, die er mit der Firma „Elektra - Fabrik für elektrische Heiz- und Kochapparate" des Wiener Ingenieurs Emil Siegmund fusionierte. Ein Teil der Fabrikation blieb zunächst in der Schweiz, der Hauptsitz des Unternehmens lag allerdings ab 1901 in Bregenz. 

frühe ELEKTRA Kanne, um 1898

Durch die geographische Lage der Firma am Bodensee konnte man schnell erreichbare Dependancen errichten und somit einfach ein internationales Vertriebsnetz aufbauen. So kümmerte sich der befreundete, bereits erwähnte Otto Schulze um den Vertrieb der Elektra Produkte im Elsass mit dem Zusatz „St.Louis“ und brachte eigene Produkte ins Sortiment mit ein. 

 

 

 

 

 

Der Bruder Schindler-Jennys, Cosmus Schindler, der in Bayern ein Werk für elektrische Kirchenheizungen unter der Marke „Elektra Lindau“ baute, bewohnte seit 1890 die Villa Leuchtenberg in Lindau. Man berichtete, während  der jüngsten Renovierungsarbeiten im privaten Hafen der Villa ein frühes Seekabel gefunden zu haben - wurde seitens des Bruders in Kennelbach vielleicht eine Strombrücke gebaut? Lindau kam erst 1900 in den Genuss von elektrischer Energie...

Villa Leuchten berg in Lindau privater Hafenelektrische Verteilung unterhalb des Dacheselektrischer Hausanschluss

  

Hugo Helberger in München

Hugo Helberger gründete 1893 Deutschlands erste „Spezialfabrik für Heiz- und Kochapparate" in der Emil-Geis-Str. 11 in Thalkirchen bei München.

Plätteisen um 1897

Helberger patentierte im Jahr 1894 (DRP 83273) einen „Heizleiter mit Glasperlen in Tonmasse“ und schaffte damit die Grundlage für eine Produktion hervorragender Bügeleisen und Kocher. Dennoch blieb sein Geschäft mangels Vertriebsorganisation hinter der Konkurrenz zurück.

Die Fabrikationsgebäude sowie die Fabrikantenvilla nebst „Labor“ sind heute noch erhalten. 

Bügeleisen Kriegsproduktion? 

 

 

 

 

Wasserkessel mit früher Elektrik, wie er in der Preisliste von 1897 zu finden ist.

Vorderseitig geprägt mit „Patent Hummel & Helberger".

 

    

Paul Stotz in Stuttgart
Stotzscher Kandelaber vor Reichstagsgebäude Berlin

Paul Stotz besaß in Stuttgart eine hoch angesehene Eisengiesserei und produzierte viel beachtete Kandelaber. Laternen vor dem Reichstag in Berlin aus seiner Fertigung zeugen noch heute von dem Können.

Ihm wird auch die Produktion von Haushaltsgeräten nachgesagt. Dabei ist davon auszugehen, dass es sich hauptsächlich um Formen von elektrischen Heizöfen handelte.

Mehrere elektrotechnische Patente zeugen von einer nahen Zusammenarbeit mit Elektra bzw. Schindler-Jenny.

 

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Heinrich Voigt in Frankfurt am Main

Voigt gründete 1896 neben der bereits bestehenden und noch heute existierenden Unternehmung „Voigt und Haeffner”, die „Chemisch-elektrische Fabrik" und produzierte in Bockenheim bei Frankfurt hochwertige Haushaltsgeräte (Patent Nr.12389) Marke „Prometheus“, die bald zum Firmennamen wurde.

Er nutzte den Werkstoff Platin, allerdings in Form eines Ringbandes - nicht wie üblich als Heizdraht - zur gewünschten Erwärmung von Töpfen und Kesseln.

Prometheus Kanne 1898

Wie sehr Heinrich Voigt elektrische Haushaltsgeräte am Herzen lagen, kann man erkennen, wenn man seine bereits 1899 erschienene Veröffentlichung

„Kochen und Heizen mittels des elektrischen Stromes - eine Studie über die wichtigsten jetzt existierenden Koch- und Heizapparate und deren Anwendungen“

liest. Auf 96 Seiten stellt er die Entwicklung, Technik und Arten von Heiz- und Kochapparaten allgemeinverständlich vor und lässt dabei nicht den geringsten Zweifel, dass Elektrizität der beste Weg ist, Wärme jedweder Art zu erzeugen - auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Das Vorwort des Buches zeigt jedoch, wie stark Voigt um Anerkennung dieser Position kämpfen musste:

„[ ]...denn dem Verfasser ist es ganz gleich, wie das Buch gelesen wird, w e n n es nur gelesen wird.“

Der Korpus der Kanne wurde bei der WMF in Geislingen gefertigt.

Heizer mit Glimmplatten, 1903

 

 

   

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Heizofen funktioniert durch Glimmerplatten. Dahinter befand sich Glühlicht, um das Strahlen von Wärme zu verdeutlichen. 

Prometheus Kanne und Plätteisen, 1903

Die Prometheus-Apparate sind meines Erachtens designgeschichtlich bisher unterbewertet, obwohl es nachweislich Aufträge an führende Gestalter der Zeit gab.

Dieser Eierkocher wurde bereits im Katalog von 1903 angeboten, hier in späterer Ausführung aus den zwanziger Jahren. Somit dürfte er einen der ersten „Designklassiker" darstellen.

Selbst heute nimmt man diesen Entwurf in meinen Augen nicht als veraltet wahr - Form Follows Function?